Choresmien

Choresmien

Choresmien oder Choresm ist ein antiker Staat im westlichen Zentralasien. Kerngebiet war eine äussert fruchtbare Grossoase, welche heute teilweise zu Usbekistan und teilweise zu Turkmenistan gehört. Bereits in der Bronzezeit entwickelte sich eine umfangreiche Bewässerungslandwirtschaft, wodurch das Gebiet schon früh zu einem Zentrum der menschlichen Hochkultur wurde. Spätestens ab dem 6. Jahrhundert v. Chr. wurde war Choresmien an unabhängiges Königreich, dessen Herrscher den Titel Choresm-Schah führte.

Der Staat war nicht ausgesprochen ethnisch geprägt. Die Bewohner verstanden sich in der Regel als Bevölkerung der Region, nicht als Teil einer ethnischen Gruppe, und sahen sich deshalb als Choresmier. Gemäss den Forschungen des Anthropologen Michail Gerassimow wurde die Region von einem europäischen Volkstyp dominiert: Die Bewohner waren blond und helläugig, allerdings mit einem dunkleren Hautton.

Choresmien war schon früh ein Zentrum der zoroastrischen Religion. Zoroaster selbst soll im Jahr 588 v. Chr. den choresmischen König Vischtaspa missioniert haben.

Nachdem das Land kurzzeitig durch die Perser erobert und kontrolliert wurde, konnte Choresmien seine Unabhängigkeit schon bald wieder erreichen und sich später auch erfolgreich gegen Alexander den Grossen behaupten. Seit dieser Zeit (ca. dem 4. Jahrhundert v. Chr.) wurde auch die lokale Sprache Choresmisch mit einer eigenen, auf dem Aramäischen basierenden Schrift geschrieben. Choresismisch wurde bis ins 8. Jahrhundert gesprochen, gilt mittlerweile aber als ausgestorben. Die Sprache gehörte zur iranischen Gruppe der indoeuropäischen Sprachfamilie.

Zu einer einschneidenden Veränderung kam es im Zuge der Eroberung der Region durch das arabische Kalifat. Im Zuge der Islamisierung wurden unzählige schriftliche Quellen verbrannt, aber auch Kulturbauten aus vorislamischer Zeit zerstört. Ausserdem wurde in der Folge die arabische Schrift verwendet.

In den folgenden Jahrhunderten wird das Gebiet in stetem Wechsel durch fremde Mächte erobert und erreicht durch lokale Choresm-Schahs wieder die Unabhängigkeit. Das Gebiet bleibt aber auch bei Zugehörigkeit zu anderen Reichen als Choresmien bekannt. Gegen Ende des 12. und dem Beginn des 13. Jahrhunderts erreicht das Reich seinen Höhepunkt: Unter Schah Ala ad-Din Muhammad II. kontrolliert Choresmien neben fast dem gesamten Zentralasien auch Afghanistan und den gesamten Iran. Diese Grossreich bestand allerdings nur bis 1220, als die Mongolen unter Dschingis Khan Choresmien verwüsteten.

Gegen Ende des 14. Jahrhunderts wurde das Reich von Timur erobert und abermals grösstenteils zerstört. Von diesem Schlag erholte sich Choresmien nicht mehr und fiel in der Folge an die aus Norden einfallenden Usbeken, welche auf dem Gebiet das Chiwa Khanat gründeten.

Die Bevölkerung des antiken Choresmien war stark vom Fluss Amu Darya abhängig, welcher die Region mit Wasser versorgte. Dieser machte seinem Spitznamen «Der Tollwütige» alle Ehre und wechselte regelmässig seinen Lauf. Die Menschen waren gezwungen, dem Fluss zu folgen und mussten viele Festungen und Siedlungen aufgeben. Allein im Ellikkala-Distrikt im modernen Karakalpakstan gibt es mehrere hundert Siedlungen. Die berühmtesten sind Toprak-Kala, Ayaz-Kala und Kyzyl-Kala.

Dem sowjetischen Archäologen und Ethnografen Sergei Tolstow verdanken wir viele Funde von wichtigen Orten. Schon als Student der Staatlichen Universität Moskau interessierte er sich für Choresmien. Er besuchte die Region ein erstes Mal, fand aber keine der vom berühmten Wissenschaftler al-Biruni beschriebenen Festungen, sondern ausschliesslich mit Sand bedecktes Gebiet. Nach dem Abschluss seiner Doktorarbeit begann er mit seinen Forschungen und konnte unter anderem mit Hilfe eines zur Verfügung gestellten Militärflugzeugs im Verlaufe von 25 Jahren insgesamt 50 Festungen entdecken. Er entdeckt, dass die Entfernung zwischen den einzelnen Festungen eine Distanz von maximal 15 km nicht überschritt. In seinem Werk «Auf den Spuren der alten choresmischen Zivilisation» stellte er die These auf, dass dieser Umstand die Kommunikation innerhalb des Reiches beschleunigte, da dadurch wichtige Nachrichten schnell an die nächste Festung weitergegeben werden konnte.

Von den entdeckten Festungen existieren heute nur noch zwölf: Die anderen wurden nach der Ausgrabung von Regen zerstört und im wahrsten Sinn weggespült.